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Dienstag, 14. Oktober 2014

Der Nobel für Jean Tirole

war im nachhinein gar nicht so überraschend. Auch ich habe mich in Studienzeiten durch seine "Theory of industrial organization" gequält. Was mir damals nicht gefallen hat, war das Fehlen eines einzelnen einfachen Referenzmodells, welches unvollständigen Wettbewerb einfach analysieren lässt. Stattdessen hunderte unterschiedlicher Modelle, die für Faktoren bestimmte Branchen formal darstellen, die aber irrelevant für andere Branchen. Das Fehlen einer "einfachen" übergreifenden Theorie hat mich damals gestört. Heute weiss ich gerade das zu schätzen. Details sind essentiell und unvollständiger Wettbewerb und Regulierung sind kompliziert. Wenn man die schöne abstrakte Welt des vollkommenen Marktes verlässt, begibt man sich in die unordentliche Realität, in denen Märkte von wenigen Unternehmen bedient werden, die ihre Marktmacht ausspielen wollen, Unternehmern, die Regulatoren und Konkurrenten an der Nase herumführen wollen und Wettbewerbshüter (Regulatoren) die durch unvollständige Information, politische Beschränkungen und ihren eigenen Schwächen beschränkt sind. Dabei hat Tirole einen wichtigen Betrag geleistet. Justin Wolfers:
 While the previous generation of economists had been engaged in the search for very simple rules that could apply to the regulation of all markets, Mr. Tirole has shown that the right rule for protecting the public interest depends critically on the details of a market. 
Das heisst, jeder Markt ist ein bisschen anders, manchmal auf sehr wichtige weise ein bisschen anders. Der Wettbewerb am Markt für Holzspielzeuge hat wenig damit zu tun wie Google agiert. Besonders wichtig waren da die Arbeiten zu zweiseitigen Märkten (two-sided Markets), die in der Internetbranche (aber nicht nur) eine wichtige Rolle spielen. Google, Facebook stellen (eigentlich teure) Dienstleistungen den Konsumenten gratis zur Verfügung, damit sie Werbeeinnahmen auf der anderen Seite des Marktes abschöpfen können. Je mehr Konsumenten umso größere Werbeeinnahmen. Mit diesen Modellen kann man diese Strategien einfach rationalisieren und Wohlfahrtseffekte analysieren.

Tirole sagt somit, dass Märkte sehr unterschiedlich sind. Markt ist nicht gleich Markt. Seine Arbeiten zur Regulierung laufen nicht auf ein einheitliches Modell hinaus. Das Buch zur Regulierung von Telekommunikationsmärkten geht auch in technische Details und zeigt auch deutlich, wie auch von  Matthew Inglesias es gut beschrieben:
One takeaway from Tirole's work on regulation in general is that to a greater extent than people appreciate, policy problems sometimes exist because the questions are genuinely difficult rather than because policymakers are corrupt or feckles.
Meine Übersetzung: Allzu einfache Erklärungen reichen eben nicht immer aus. Regulierung ist schwierig und Details sind wichtig, auch in der (Wirtschafts-)Politik. Ähnlich sieht es auch Tyler Cowen, der schreibt "many of [Tirole's] papers show 'it's complicated,' rather than presenting easily summarizable, intuitive solutions which make for good blog posts."

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Tourismuszone, Öffnungszeiten und seltsame Arbeitszeiten

In Wien gibt es derzeit eine Diskussion um die Einführung von Tourismuszonen. Die Wirtschaftskammer ist dafür, aber nicht alle Unternehmer. Der sozialdemokratische Unternehmerverband ist mehrheitlich gegen, der schwarze Wirtschaftsbund mehrheitlich dafür, wie die Presse schreibt. Die Gewerkschaft der Handelsangestellten ist dagegen. Ökonomische Analysen zeigen in der Regel, dass Sonntagsöffnungszeiten Beschäftigung, Umsätze und die Anzahl von Geschäften in den deregulierten Branchen/Zonen hat (z.b. 1). Allerdings zeigt Goos, dass dieser Effekt wahrscheinlich durch Beschäftigungsreduktionen, Umsatzreduktionen und Reduktionen der Geschäfte in nicht de-regulierten Branchen/Zonen wieder ausgeglichen wird. Die Tageswoche schreibt, dass in der Regel vor allem der Lebensmittelhandel profitiert und die grossen Ketten auf weitere Liberalisierungen drängen. Insgesamt spricht allerdings wenig gegen Sonntangsöffnungzeiten. Härterer Wettbewerb führt in der Regel zu Vorteilen für die Kunden. Allerdings kann man ausser in Tourismuszonen davon ausgehen, dass Konsumenten da Öffnungszeitenänderungen ihr Konsumbudget grossartig verändern, ausser vielleicht ein wenig die Zusammensetzung ihrer Einkäufe. Allerdings werden Geschäfte, die nicht mitmachen können (oder dürfen) Marktanteile verlieren. In Tourismuszonen erhofft man sich positive Effekte durch Touristen, die sonst nicht einkaufen würden.

Das Argument, warum die Gewerkschaft dagegen ist, könnte mit der Argumentation von Hamermesh und Stancarelli auf VOX-EU zusammenhängen. Sie fragen, warum Amerikaner seltsamere Arbeitszeiten haben als Europäer (mehr Arbeit an Wochenenden und in der Nacht). Ihre Ergebnisse zeigen, dass Öffnungszeitenregulierungen (Nachtöffnung, Sonntagsöffnung) den wichtigsten Beitrag zur Erklärung dieser Unterschiede bietet:
Why are Americans so much more likely to work at strange times than Europeans?The results here show that it is not because Americans work more than Europeans. 
  •  One cause might be the greater inequality of earnings in the US that induces low-skilled workers earning relatively less than low-skilled Europeans to desire more work at times that pays a wage premium. 
  •  Another possibility is cultural, so that Americans just enjoy working at these times more than their European counterparts. But citing cultural differences is an easy way to avoid thinking or doing anything about an issue. 
Many European countries impose penalties on work at nights and on weekends, with some of the penalties being quite severe (Cardoso et al. 2012). (...) Work at different times of the week is substitutable, and employers are responsive to changing incentives to alter the timing of work. But that evidence also shows that even substantial incentives do not produce huge changes in work timing. If we really want to reduce the amount of work that occurs at times that are viewed as unpleasant, the solution may be to revert to the shop-closing laws (Blue Laws) that prevailed in the US years ago. No free-marketer would like this, but it may well be worth reviving these laws in order to get the US out of what might be a low-level, rat-race equilibrium.
Die gesamtwirtschaftlich Wohlfahrtseffekte von Öffnungszeiten können dennoch positiv sein. Sie hängen letztlich davon ab wie die positiven Effekte, dass Konsumenten auch am Sonntag einkaufen können, die zusätzlichen Einkommen durch Touristen und negativen Effekte auf Geschäfte außerhalb der Tourismuszonen bzw. die Auswirkungen auf die Arbeitnehmer bewertet werden.

Freitag, 26. September 2014

Buchpreisbindung gegen die Tyrannei des Marktes?

Kurier, Standard (1,2) und Presse (1) berichten vom Vorhaben die Buchpreisbindung auch auf e-books auszuweiten. Der Standard schreibt:
Laut Ostermayer ist es "im Sinne der Vielfalt" wichtig, "Bücher zu schützen und ein Marktumfeld zu schaffen, das eine hohe Anzahl an Verlagen und Veröffentlichungen ermöglicht". Bis zum Weihnachtsgeschäft soll das Gesetz dahingehend geändert werden, "dass E-Books ausdrücklich in den sachlichen Anwendungsbereich des Gesetzes aufgenommen und die Ausnahme des grenzüberschre itenden elektronischen Handels gestrichen werden", so die Novelle im Wortlaut.
Aber ist das wirklich eine gute Idee, wenn wenige (Autoren, Verlage, grosse Buchhändler) auf Kosten vieler (Buchkonsumenten) besser gestellt werden? Wie Wikipedia schreibt gibt es in 11 europäischen Ländern Buchpreisbindungen, d.h. 17 Länder habe keine derartige Marktregulierung.

Was soll eine Buchpreisbindung erreichen? Die Befürworter bringen zumeist kulturelle Argumente vor. Ohne Buchpreisbindung würde würden weniger Bücher angeboten und Nischenprodukte würden zugunsten von Bestsellern verdrängt. Mit Buchpreisbindung würden Bestseller Nischenprodukte quersubventionieren und damit hochwertige Bücher produziert.

Allerdings gibt es dafür keine Garantie. Es müssen ja nicht die Bestsellerverlage jene sein, die Nischenprodukte auf den Markt bringen. Daher ist nicht sichergestellt, dass die "Monopolgewinne" für kulturell hochwertige Bücher verwendet werden. Der Buchhandel und die Autoren argumentieren, dass die Buchpreisbindung "ruinösen" Wettbewerb unterbindet und eine größere Vielfalt von Verlagen und Buchhändlern am Leben erhält und Autoren ein höheres Einkommen ermöglicht.

Aber stimmt das wirklich, dass eine Aufhebung der Buchpreisbindung zu einer Reduktion der Vielfalt führt? Verfügbare Studien sagen großteils nein. Nach dem Wegfall der Buchpreisbindung in der Schweiz lies sich kaum was beobachten, ebenso wenig in Großbritannien wo die Buchpreisbindung 1997 fiel. Hanreich et al. argumentieren dass die Buchpreisbindung wegen hoher Fixkosten gerechtfertigt sein könnte, weil dann kulturelle Vielfalt bestehen bleiben kann. Allerdings wurde diese Studie vor dem Aufkommen von Amazon und e-books geschrieben. Heute sind kleine Buchhändler sind ohnehin nur dann gegen die online-Konkurrenz wettbewerbsfähig wenn sie über spezifische Kompetenzen verfügen. Es wird sogar argumentiert, dass die Buchpreisbindung in Deutschland Amazon subventioniert hat. Diese Kartellgewinne gehen auf Kosten der Konsumenten, die wegen der höheren Buchpreise wahrscheinlich weniger Bücher gekauft haben. Wahrscheinlich weniger Bestseller aber nicht nur. Amazon kann dadurch den Versandhandel mit anderen Produkten als Büchern quersubventionieren.

Somit erscheint die Buchpreisbindung nicht unbedingt die richtige Form zu sein um agressive Internethändler im Zaum zu halten. Hier kann letztlich nur das Wettbewerbsrecht helfen und keine Buchpreisbindung der Welt. Dies gilt insbesondere für e-books. Diese können ja auch von Internethändler oder gar Autoren selbst gemacht werden. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen e-books und normalen Büchern. Der Druck führt dazu, dass die Produktion von Büchern durch hohe Fixkosten charakterisiert ist. Es braucht Verleger und eine  relativ kostspielige und schwer zu organisierende Logistik . Dagegen hat die Produktion von e-books viel geringere Fixkosten. die Funktion des Verlegers, der die Vorselektion von Büchern übernimmt fällt im Internetzeitalter weg und der Vertrieb kann im Notfall auch über e-mail erfolgen. Andere Informationsbrooker können die Funktion der Verleger übernehmen, ohne dass sie unbedingt mit der Produktion von Büchern betraut sind. Das zeigt, dass die Ausweitung der Buchpreisbindung kaum ein wirksames Mittel gegen die Veränderung in der Buchproduktion ist. Wie der Standard schreibt hat Ostermayer (Bundesminister für Kunst, Kultur und Median) auch vor dies direkte anzugehen:
Im "Kurier" kündigt Ostermayer eine Anhebung der Verlagsförderung um zehn Prozent von zwei Millionen auf 2,2 Millionen Euro im Jahr und eine Ausweitung von Projektstipendien für Literaten von 40 auf 50 an.
Ich traue mich zu wetten, dass dies letztlich nur dazu führt, dass weiter Bücher gemacht werden, die ohnehin gemacht würden und Verleger größere Autos fahren (teuerere Kleider kaufen können sofern sie ohne Auto auskommen) können als ohne Förderung. Denn alle Subventionen (Buchpreisbindung oder direkte Förderung) führen zur Umlenkung von Ressourcen und zu Mitnahmeeffekten. Von einer Schinkenpreisbindung oder einer CD-Preisbindung redet keiner, dabei sind diese Artefakte auch kulturell hochwertige Produkte. Für die Vielfalt der Produktion sorgt die Nachfrage sofern die Fixkosten nicht zu einer tyranny of the market führen, wie von Joel Waldfogel für Bibliotheken, Restaurants und Radio nachgewiesen wurde.

Das e-book führt zu einem technologischen Wandel bei der Buchproduktion, wie er schon in der Musikwirtschaft eingetreten ist. Joel Waldvogel (ja schon wieder der) schreibt über die Digitalisierung im Musikbereich:

Although recorded music revenue has collapsed since the explosion of file sharing, results elsewhere suggest that the quality of new music has not suffered. One possible explanation is that digitization has allowed more firms to bring music to market using lower-cost methods of production, distribution, and promotion. Forces increasing the number of products released may allow consumers to discover more appealing choices if they can sift through the offerings. Digitization has promoted Internet radio and online music reviewers, providing alternatives to radio airplay as means for new product discovery. To explore this, the author assembles data on new music released between 1980 and 2010, and on particular albums’ sales, airplay on traditional and Internet radio, and album reviews at Metacritic since 2000. He documents that the total quantity of new albums released annually has increased sharply since 2000, driven by independent labels and purely digital products. Second, increased availability has been accompanied by reduced concentration of sales in the top albums. Third, new information channels change the number and kinds of products about which consumers have information. Fourth, more albums find commercial success without substantial traditional airplay. Finally, independent label albums account for a growing share of commercially successful albums.

Der technologische Wandel hin zu einer Produktionsstruktur mit geringeren Fixkosten (online statt CD oder Platte) hat zu einer geringeren Konzentration (Bestseller), mehr Diversität im Angebot und damit zu mehr unterschiedlicher Musik für Konsumenten geführt. Nur die grosse Musikindustrie leidet drunter, während exotische Interpreten, Autoren und Konsumenten Vorteile haben, sofern sie diese nutzen wollen und können.

Könnte es daher nicht auch so sein, dass die Konsumenten aufgrund niedrigerer Buchpreise (fehlende Buchpreisbindung) mehr und unterschiedlichere Bücher kaufen? Vielleicht auch solche österreichischer Autoren? Die Idee von Quersubventionen auf der Angebotsseite ist in der Regel der Konsumentensouveränität unterlegen. Niedrigere Preise könnten auch die Tendenz zum Zweit(e-)buch stärken.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Die Zukunft der Bankenregulierung in der EU? Die Vorschläge des Liikanen Reports

Der Report der "High-level Expert Group on reforming the structure of the EU banking sector" unter Vorsitz von Erkki Liikanen wurde letzte Woche veröffentlicht. Kurz heisst der Report Liikanen-Report. Der Report schätzt ab, ob Banken zusätzlich strukturell reguliert werden sollen. Die wesentlichen Schlussfolgerungen sind die folgenden:

Samstag, 9. Mai 2009

Wie produktiv waren Innovative Finanzprodukte?

Adam Posen und Marc Hinterschweiger versuchen diese Frage zu beantworten (hat tip Mark Thoma) und tun sich schwer dafür Evidenz zu finden. Es ist jedem klar, dass Finanzinnovationen nicht dazu geführt haben, dass Bankspesen gesunken wären, dafür hat die EU gesorgt und die Informationstechnologie. Also Regulierung. Aber für Unternehmen könnte sie ja was gebracht haben.

Wir erinnern uns die drei wichtigsten Funktionen eines Finanzsystems sind: (i) Kaufkraft von Haushalten mit Ersparnissen zu Unternehmen mit Investitionsprojekten zu kanalisieren, (ii) Unternehmekontrolle (corporate governance) und (iii) Risiken zu diversifizieren. Bei (iii) könnten sie ja was gebracht haben. Finanzprodukte wie CDS und CDOs sollten eine effizientere Allokation von Risiken ermöglichen. Die Re-allokation von Risiken sollte nichtfinanziellen Unternehmen erlauben sich auf produktivere Tätigkeiten stärker zu konzentrieren. Finanzunternehmen sollten stabiler sein weil illiquide Assets aus den Bilanzen verschwinden würden. Allerdings wie Posen und Hinterschweiger zeigen gibt es keinen wirkliche starken Zusammenhang zwischen Unternehmensinvestitionen und dem Markt für moderne Finanzderivate. Wie Abbildung 1 (von Posen und Hinterschweiger) zeit erhöhten sich die Investitionen in den USA zwischen 2003 und 2008 um ca. 25 %, während der weltweite Umfang von over-the-counter (OTC) Derivativen um 300 % sowie die Derivative, die von den 25 größten US Banken gehalten wurden um 170 % stiegen.



In der Tat waren bei ca. 90 % der Derivative Akteuere des Finanzsektors und nur bei 10 % Akteuere im nichtfinanziellen Sektor Gegenpartei bei OTC Geschäften. Und diesbezüglich meinen Posen und Hinterschweiger:
Had their usage by financial institutions generated either a boom in productive lending or a more resilient financial system, then, even if unused by nonfinancial companies directly, these new products could still have been productive. Since we have clearly seen the opposite over this time period, it is a revealing indicator that the nonfinancial companies for whom these products were prescribed did not themselves use them.
Dies bestätigt mich in der Vermutung, dass ein großer Teil dieser Produkte entweder spekulativ oder zur Regulationsarbitrage verwendet wurde. Wie immer in einem Pyramidenspiel erkennt man bei einer Blase, dass es sich um ein Pyramidenspiel oder eine blase gehandelt hat wenn das Spiel platzt.

Wie es scheint braucht der Finanzmarkt Regeln wie ein "normaler" Markt für etwas kompliziertere Güter wie Autos, Gebäude, Medikamente, Nahrungsmittel etc.:
We are already hearing warnings from the financial industry that government should be careful not to overreach in its attempts at reform, for fear of harming financial innovation. While that is a worthy principle, our belief is that the record of recent financial innovations acts as a warning to be skeptical about excessive claims that all financial innovation is worthwhile. What was advertised as something to redistribute risk, and thereby increase productive investment, generated little capital formation; what was supposed to benefit nonfinancial businesses was mostly used in a speculative game between financial players. In fact, given the gap between these products’ claims and their actual usage and impact, one has to wonder whether recent financial products are like the recalled weight-loss supplement Hydroxycut, the repeatedly crashing DC-10 aircraft, or the Chernobyl nuclear reactor design. If so, even if many financial innovations are beneficial, all of them need to be monitored over the long term, as well as scrutinized before issuance, by regulators for their safety and effectiveness.

Samstag, 2. Mai 2009

Boring Banking in der großen Depression

Nachdem einige Kommentatoren (insbesondere Paul Krugman) ein zurück zum "boring banking" gefordert haben & ich diese Idee eigentlich gut finde, wäre es einmal angezeigt anzuschauen wie normale Banken und Investmentbanken in der USA von der Großen Depression betroffen waren.

Die USA stellen dabei ein interessantes Beispiel dar, weil mit der Verschärfung des Glass-Steagall-Acts 1933 die bis dahin in den USA vorherrschenden Universalbanken per Gesetz aufgelöst wurden und sich als Geschäfts- oder Investmentbanken neu definieren mussten. Dies betraf aber nur einige wenige der großen Banken. Die meisten Banken waren ohnehin nur Geschäftsbanken ohne Investmentaktivität.

Daniel Gros hat auf VOX-EU einen hochinteressanten Beitrag, der diese Situation beleuchtet. Der Beitrag zeigt, dass "boring banking" viel robuster ist als allgemein angenommen und dass vor allem jener Teil des Finanzsektors der mit Investmentbanking und Trading in Zusammenhang steht durch die große Depression besonders getroffen wurde. Dies legt zwei Dinge nahe: Eine Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanking wie durch den Glass-Steagall-Act könnte das Banksystem noch robuster machen und vielleicht müssen wir uns um die österreichischen Banken weniger Sorgen machen als angenommen, denn ihre Probleme sind eher "boring" als "fancy".

Doch zurück zum Argument:


Obwohl alle davon sprechen, dass die Bankenkrise in den USA die große Depression mitverursacht hat zeigt Gros, dass
a) die meisten Bankinsolvenzen durch eine hohe Insolvenzquote für die Einleger gekennzeichnet waren.
b) die Zahl der Bankinsolvenzen zwar hoch war, aber dadurch, dass die Zahl der Banken viel größer war heute, der Effekt der Bankinsolvenzen ungefähr 4% aller Depositen betroffen hat. Daher wurde in der Folge die FDIC gegründet, welche eine Einlagensicherung bereitstellt.
c) die meisten Geschäftsbanken in der großen Depression profitabel waren.

Besonders letzteres legt nahe, dass das Bankensystem doch stabiler war als oft angenommen.
Figure 1. Profits in US during the 1930s (before tax as % of GDP)

Wie Fig. 1 zeigt haben sich die Profite der Geschäftsbanken in der Finanzkrise zwar um 40 % reduziert, allerdings sind die meisten Banken profitabel geblieben. Im Gegensatz dazu hat die Realwirtschaft zwischen 1931 und 1933 aggregiert erhebliche Verluste geschrieben ebenso wie der Finanzsektor ohne Banken zwischen 1930 und 1935. Dies zeigt, dass auch in der Großen Depression nicht primär die Geschäftsbanken sondern andere Finanzaktivitäten die mit dem Kapitalmarkt im Zusammenhang stehen gelitten haben. Wie Gros ebenfalls zeigen die Muster der Profite, dass "boring banking" bis 2007 eine relativ konstante Profitentwicklung hatte, der Anstrieg der Profite im Finanzsektor bis dahin sei im Wesentlichen auf Investmentbankaktivitäten und Trading zurückzuführen, die mark-to-market bilanzieren und dadurch nichtrealisierte Gewinne als Gewinne ausweisen.

Die heutigen Kreitabschreibungen werden weltweit auf 5,1 % des Kreditvolumens geschätzt. Laut Gros war die Situation in der großen Depression nicht sehr viel schwerer. Auch die heutige Krise ist eher eine Krise des Kapitalmarkts als eine Krise des "boring bankings". In Universalbanken kann aber der die Tätigkeit des "boring bankings" durch Investmentbanking beeinträchtigt werden. Daher schlägt Gros vor in Zukunft Geschäftsbanken und Investmentbanken voneinander zu trennen:

The resilience of “normal” banking operations to a recession or even a depression strengthens the case for a separation of commercial and investment banking activities. The classic banking operations of deposit-taking and lending tend to remain profitable even under stressed conditions. But this classic function of banking would not be such a cause of concern today if the investment banking arms of banks had not gotten into trouble by investing in “toxic” assets. At present, the authorities in both the US and Europe have little choice but to make up for the losses on “legacy” assets and wait for banks to earn back their capital. But to prevent future crises of this type, policymakers should make sure that losses from investment banking arms cannot impair commercial banking operations.

Freitag, 10. April 2009

Transparenz ist meistens aber nicht immer eine gute Idee

Im Standard gibt es pro und contra von Thomas Mayer und Leo Szemeliker ob auf die angebliche Kreditklemme (mein skeptischer Einwurf) mit staatlicher Regulierung gehandelt werden soll. Mayer sagt ja. Szemeliker sagt nein.
Ich denke wenn man in Österreich eine funktionierende Wettbewerbspolitik hätte bräuchte man sich keine Sorgen machen, denn wenn Oligopolisten ihre Marktmacht missbrauchen ist das ein Fall für den Richter. Thomas Mayer schreibt:
Wenn Firmen Aufschläge von vier, fünf und mehr Prozent akzeptieren müssen, wenn Hypothekardarlehen 5,5 und mehr Prozent kosten, während die Zentralbank Richtung Nullzinsen marschiert, dann muss derselbe Staat, der die Banken rettet, zugunsten seiner Bürger eingreifen - notfalls per Zinsauflagen, wie es sie vor gar nicht so langer Zeit noch gegeben hat. Es würde schon reichen, wenn die Bankenaufsicht das täte, wofür sie da ist: Kontrolle und Aktion. Zum Beispiel: Zu jedem Quartal wird veröffentlicht, wie hoch die Zinsspannen aller Bankkredite sind, mit Namen und Zahlen. Soziale Marktwirtschaft braucht Transparenz.

Dem widerspreche ich mal. Denn im Oligopol kann zuviel Transparenz zu abgestimmten Verhalten führen. Unter Punkt 72 findet sich hier:
Eine abgestimmte Verhaltensweise verfolgt einen wettbewerbswidrigen Zweck im Sinne von Art. 81 Abs. 1 EG, wenn sie nach ihrem Inhalt und Ziel sowie unter Berücksichtigung ihres rechtlichen und wirtschaftlichen Zusammenhangs konkret geeignet ist, zu einer Verhinderung, Einschränkung oder Verfälschung des Wettbewerbs innerhalb des Gemeinsamen Marktes zu führen. Auf den tatsächlichen Eintritt einer solchen Verhinderung, Einschränkung oder Verfälschung des Wettbewerbs kommt es dabei ebenso wenig an wie auf einen unmittelbaren Bezug der Verhaltensabstimmung zu den Endverbraucherpreisen.
Dem Austausch vertraulicher Geschäftsinformationen unter Wettbewerbern haftet ein wettbewerbswidriger Zweck an, wenn der Austausch geeignet ist, bestehende Unsicherheiten über das von den beteiligten Unternehmen in Aussicht genommene Marktverhalten auszuräumen und so die Spielregeln eines freien Wettbewerbs zu unterlaufen.

Damit würde der Staat den Lombard-Club teilweise wieder ermöglichen - ja einführen. In diesem Fall hat die Europäische Kommission Geldbußen in Höhe von insgesamt € 124,26 Mio. gegen acht österreichische Banken für ihre Beteiligung an dem weitreichenden Preiskartell verhängt.

Deregulierung, Humankapital und Entlohnung im Finanzsektor

Paul Krugman schrieb in der Post The financial factor über ein Working Paper von Philippon and Reshef, die Entlohnung im amerikanischen Finanzsektor von ca. 1910 bis 2005 untersuchen.
Leider ist das Working Paper nicht öffentlich zugänglich. Ich habe mir eine Kopie besorgt.
Krugman postet folgende Abbildung aus dem Working Paper, wo Deregulierung (höhere Werte = mehr Deregulierung) mit der relativen Entlohnung im Finanzsektor zu dem Rest der Volkswirtschaft in Verbindung gesetzt wird.
Krugman schreibt:
OK, correlation does not imply causation yada yada. The move to regulate in the 1930s was part of a broader crackdown on rampant capitalism, and the deregulation since 1980s was similarly part of a broader phenomenon. But it’s a good bet that finance is a key part of the story of how we got to where we are.
Doch in dem Papier sind noch weitere interessante Grafiken, die nahelegen, dass boring banking billiger ist als das Design komplexer Finanzprodukte und "kreative Finanzwirtschaft". Folgende Grafik zeigt, dass zumindest ein Teil des relativen Anstiegs der Durchschnittsentlohnung im Finanzsektor auf die Qualifikation der ArbeitnehmerInnen zurückzuführen ist. Man bemerke, dass deregulierte Finanzmärkte ein weit höheres durchschnittliches Qualifikationsniveau haben als reguliertes boring banking.
Das zeigt sich wiederum in folgender Grafik. Während das Volumen and Arbeitskräften relativ konstant blieb hat sich die Entlohnung in "other Finance" völlig unterschiedlich von der Kreditvergabe (boring banking) und der gewöhnlichen Versicherungsbranche entwickelt.

Waren diese Beschäftigten überbezahlt? Schwierig zu beantworten, da die Wissenschaft noch nicht so weit ist eine optimale Entlohnung zu bestimmen. Daher verwenden Philippon und Reshef folgenden Vergleich:
We consider the following, simpler question: is the financial sector in a sustainable
labor market equilibrium? Or, equivalently: are financiers overpaid relative to other
employees with similar characteristics?
Ihr Ergebnis lautet ja. Folgende Grafik fasst es zusammen. Das heisst Renten, die nicht auf Humankapital zurückführbar sind, erklären 30% - 50% des Unterschieds zwischen der Entlohnung im Finanzsektor und anderer Wirtschaftsbereiche.


Pilippon und Reshef schliesen ihr Papier mit dem Hinweis, dass ihre Ergebnisse zwei wichtige Implikationen für die Finanzregulierung hat. Erstens wird eine verstärkte Regulierung langfristig zu einem Abfluss von qualifizierten Arbeitskräften aus dem Finanzsektor führen. In anderen Sektoren können diese Arbeitskräfte dann mehr verdienen könnten. Ob dies gut oder schlecht ist hängt davon ab ob in welchen Sektoren qualifizierte Arbeitskräfte mehr gesellschaftliche Erträge abwerfen. Zweitens legt die Analyse nahe, dass Regulierungsinstitutionen nicht annährend mit dem Finanzsektor um qualifiziertes Humankapital im Wettbewerb stehen konnten. Da die Regulierungsinstitutionen ihre hochqualifizierten Mitarbeiter - aus finanziellen Gründen - nicht halten konnten waren sie immer im Hintertreffen. Dies kann mit ein Grund für Fehler in der Finanzmarktregulierung gewesen sein. In ihren eigenen Worten:
Our research has two important implications for financial regulation. First, tighter regulation is likely to lead to an outflow of human capital out of the financial industry. Whether this is desirable or not depends on one’s view regarding economic externalities. Baumol (1990), Murphy, Shleifer, and Vishny (1991) and Philippon (2007) argue that the flow of talented individuals into law and financial services might not be entirely desirable, because social returns might be higher in other occupations, even though private returns are not. Our results quantify the rents earned by employees in the financial industry in the late 1990s and early 2000s. These rents explain the large flow of talent into the financial sector. At this stage, however, we cannot assess whether the inflow was too large from a social perspective.
Our results have another important implication for regulation. Following the crisis of
1930-1933 and 2007-2008, regulators have been blamed for lax oversight.45 In retrospect, it is clear that regulators did not have the human capital to keep up with the financial industry, and to understand it well enough to be able to exert effective regulation. Given the wage premia that we document, it was impossible for regulators to attract and retain highly-skilled financial workers, because they could not compete with private sector wages. Our approach therefore provides an explanation for regulatory failures.
Auf deutsch: wenn man die Leute von der Finanzmarktaufsichtbehörden so bezahlt wie Beamte darf man sich über Regulierungsversagen nicht wundern.

Donnerstag, 19. März 2009

Auch in Österreich haben die Banken Angst vor Überregulierung

(Vielleicht haben sie ja Buiter gelesen.) Im Standard gibt es eine APA-Nachricht die im wesentlichen von der Sparte Bank und Versicherung der Wirtschaftskammer bestritten wird. Die Banken haben jetzt Angst vor einer Überregulierung des Finanzmarkts. Sie sprechen sich gegen eine grenzüberschreitende europäische Regulierungsbehörde aus.

Dem ist zu widersprechen. Es gibt einen Bedarf für einen europäischen Regulator für grenzüberschreitende Finanzinstitutionen. Eine Zusammenarbeit zwischen nationalen Regulatoren wird das Ziel nicht ganz zu erreichen selbst wenn es Europäische Regulationsrichtlinien gibt. Die einzelnen Länder haben einen 'home-bias' und sind bekannt dafür bei schwergewichtigen Interessensgruppen eigene Interpretationen von europäischen Regulierungen zu erfinden.

Aus dem Artikel:
Zwar sollten die regulatorischen Lücken geschlossen werden, die durch Regulierung verursachten Kosten dürfe man aber nicht außer Acht lassen. Laut einer dabei ebenfalls heute präsentierten Studie des Beraters Confidum St. Gallen seien 2007 im Inlandsgeschäft der österreichischen Kreditwirtschaft 297 Mio. Euro an regulatorischen Gesamtkosten angefallen. Von 2005 bis 2007 seien die regulatorischen Gesamtkosten um 70 Prozent gestiegen, so Edgar Schirl von Confidum. Dieser Anstieg sei neben Basel II (rund 120 Mio. Euro jährlich) u.a. auf die Finanzmarktrichtlinie MiFID, MSK (Mindeststandards für das Kreditgeschäft) sowie die Implementierung des risikoorientierten Meldewesens (ROM) zurückzuführen. Die Umsetzung und Einhaltung von Regularien hätten 2007 rund 3,2 Prozent des Betriebsaufwandes heimischer Banken ausgelöst. Der österreichische Bankkunde habe die regulatorischen Mehrkosten aber nicht bezahlen müssen, versicherte Christof Grabher von Confidium. Eher seien die Zusatzkosten "zu Lasten des Eigenkapitalaufbaus" gegangen.
Ganz kurz dazu. Letzteres glaube ich nicht ganz. Dafür ist die Wechselhäufigkeit von Bankkunden und damit der Wettbewerbsdruck zu gering, als dass die Banken als gute quasi-Monopolisten die regulatorische Kosten nicht langfristig an die Kunden weitergeben würden.

Weiters müssen nicht alle Regulierungen teuer sein. Manche können sogar billig sein: Bestimmte: Verbote und Gebote zum Beispiel. Oder verpflichtende Warnungen, diese könnten sogar die Regulierung härter und billiger machen. Aber Buiter geht weiter:
Splitting banks into public utility or narrow banks does not solve the problems of banks (narrow or investment) becoming too big or too interconnected to fail. It is therefore necessary to penalise bank size per se, to stop banks from becoming too large to fail (if they are interconnected but small, they are still not systemically important). I would penalise size through capital requirements that are progressive in size (as well as leverage).

Das wäre einfach umzusetzten. Bankkunden würden sich kleine Banken suchen und größere Banken hätten einen Anreiz sich in mehrere Banken zu zersplittern. Doch Buiter hat noch ganz andere Vorschläge, die das Finanzsystem komplett umwälzen würden:

The distinction between public utility banking/narrow banking vs. investment banking; (the rest) has to be re-introduced. I advocate a form of Glass-Steagall on steroids, with a heavily regulated and closely supervised narrow banking sector, engaged in commercial banking (taking deposits and making loans) and benefiting from lender of last resort and market maker of last resort support. The investment bank sector will also be regulated and supervised, but more lightly, and according to the same principles as other systemically important highly leveraged non-narrow bank institutions.

Universal banking has few if any efficiency advantages and many disadvantages. Economies of scale and scope in banking are soon exhausted. They tend to be fat to fail, have a lack of focus, and suffer from span-of-control negative synergies etc. Universal banks or financial supermarkets use their size to exploit market power and try to shelter their risky, non-narrow banking activities under the LLR and MMLR umbrella of the narrow bank that's hiding somewhere inside the universal bank.


Das wäre der Untergang des österreichischen Bankensystems wie wir es kennen, ja des Europäischen Bankensystems wie wir es kennen. Aber die Amerikaner haben dies bereits einmal gemacht. Es wäre interessant, wenn jemand so etwas vorschlagen würde. Das hat wenig mit Enteignung zu tun sondern mit Regeln für eine Marktwirtschaft.