Montag, 19. November 2012

Das Verhalten des IWF und drohende Finanzierungsrestriktionen

Die Krise in Europa ist eine kostspielige Angelegenheit für den Internationalen Währungsfonds, IWF. Kostspieliger als vergangene Eingriffe. Bislang war die Intervention in der laufenden europäischen Krise mit ca. 103 Mrd. US Dollar die teuerste der Geschichte des IWF. Zum Vergleich: Das Lending erreichte zum Höhepunkt der Asienkrise USD 33 Mrd. Ein Ende ist derzeit nicht in Sicht. Hier eine Aufstellung aus „The Economist“ in seiner Ausgabe vom 6. Okt.:



Natürlich muss man bedenken, dass das BIP dieser Länder stark variiert und ein guter Teil der Unterschiede im Lending-Volumen eben dadurch erklärt wird. Dennoch bleibt der besorgniserregende Eindruck, dass das angeschlagene Europa aus seinen Problemen trotz Hilfen nicht herauskommt. Das, obwohl deutlich mehr Hilfsgelder flossen als bei systemrettenden Eingriffen des „lender of last ressort“ zuvor. Ähnlich sonderbar scheint die atypische Wiederkehr der IWF-Hilfen. Griechenlands Finanzierungsprobleme konnten durch einen einmaligen Eingriff nicht gelöst werden. Auch nach dem zweiten Eingriff ist es nicht ausgeschlossen, dass weitere Gelder benötigt werden. Das gleiche gilt für Portugal. Einzig Irland scheint derzeit stabil.

Die Interventionen in der EU können für den IWF selbst Finanzierungsprobleme auslösen. Was droht ist das mittlerweile gut bekannte Muster der jetzigen Krise. Banken werden von Staaten, und manche Staaten wiederum von der Troika aufgefangen, dessen Teil der IWF ist. Hier muss gefragt werden, ob der IWF selbst in Finanzierungsengpässe kommt? So schreiben die IWF-Kritiker des Bretton Woods Projekts Folgendes:

Taking the lending as a percentage of a country's IMF quota at the time of the loan, a yardstick to gauge the level of Fund commitment, the programmes in Ireland (2,322 per cent of quota), Portugal (2,306 per cent) and Greece (3,751 per cent) are far beyond the previous record (1,938 per cent of quota for South Korea in 1997). The IMF loans to these three countries were also well above a mere "10 per cent" of total lending capacity. At the time of commitment they represented 36 per cent of IMF forward commitment capacity before any loans were made. Including other loans to European Union countries, these now account for nearly three quarters of the IMF's credit outstanding.

Was verändert das sonst so „nachhaltige“ Vorgehen des IWF (mit Blick auf Griechenland)?
  • Der IWF ist lediglich Juniorpartner in der Troika. Die EU-Kommission und die EZB, zwei Einrichtungen die keinerlei Erfahrungen mit Staatssanierungen haben, sind federführend. Interessanterweise scheint gerade der IWF, der jahrelang den Washington Consensus vertrat, derzeit die europäischen Austeritätsforderungen der anderen Partner etwas abzubremsen. Auch forderte Lagarde kürzlich mehr Zeit zur Umsetzung der Reformen in Griechenland. Ob das eine neue Rolle des IWF zeigt oder eine politisch motivierte Änderung der bisherigen Linie kann ich nicht sagen.
  • Politische Interessen stehen einer Sanierung im Weg. Der IWF steht mit Frau Christine Lagarde unter französischer Führung – bei ihrem Amtsantritt ließ sie verlautbaren, dass es einer europäischen Führung des IWF benötige, weil nur Europäer die Probleme Europas kennen. Der Schuldner wird somit aus den eigenen Kreisen beraten. Das ist eine höchst fragwürdige Konstellation, bei der Interessenskonflikte mitschwingen die einem (regulatory) capture ähneln.
So sieht das auch in der Praxis aus. Es wurden abermals unrealistische griechische Zahlen angesetzt. Beispielsweise dauerte es nicht lange bis es den Geldgebern schwante, dass die im ersten Hilfspaket veranschlagten Privatisierungsgewinne von USD 50 Mrd. wohl nicht erreicht werden können. Ähnliches gilt für das riesige Rüstungsbudget, das man offenbar nicht zur Diskussion stellt, vermutlich weil Zulieferbetriebe in den Geberländern Schaden nehmen könnten.

Trotz aller Kritik bleibt unterm Strich offen, ob man Griechenland tatsächlich hätte "effektiv" abwickeln können. Effektiver könnte man die Programme sicherlich gestalten. Sehr wohl wird sich aber bald die Frage nach der Finanzierbarkeit des IWF stellen. Was, wenn weitere Staaten in die Pleite zu rutschen. Wenn man die Performance des Funds fortschreibt, ist eine Rettung Spaniens unmöglich (über USD 200 Mrd. würden benötigt werden), von Italien ganz zu schweigen. Kommt eine Mittelaufstockung des IWF? Schwer zu sagen. Ab einem gewissen Kapitalbedarf wäre das vermutlich nicht durchführbar und somit das Ende der Fahnenstange. Ähnliches gilt für die diversen europäischen Rettungsschirme. Einzig Zentralbanken würden dann als „lender of last ressort“ in Europa auftreten. Das würde auch bedeuten, dass der IWF an der Sanierung entwickelter Volkswirtschaften scheitert, unter anderem aufgrund politischer Interessen Europas.

Dienstag, 6. November 2012

Die Grenzen des Wachstums ... eine vulgärökonomische Perspektive

Der Blog Wirtschaftswurm hat eine Blogparade mit dem Thema "Die Grenzen des Wachstums" einberufen. Nun davon verstehe ich wenig und ich misstraue allen langfristigen Prognosen, obwohl ich selber ab und zu gern welche abgebe.

Wie kann Wachstum begrenzt sein. Dazu ist es zunächst einmal gut zu schauen was Wachstum ist und wie es gemessen wird. Nachhaltiges Wachstum muss immer pro Kopf Einkommen (BIP per capita) sein. Die Wachstumsrate dieses Aggregats scheint sich in den Industrieländern in den letzten Jahrzehnten weniger dynamisch entwickelt zu haben. Allerdings hat sich das Wachstum in letzten 100 beinahe explosiv entwickelt. Irgendwie klar, denn mathematisch ist Wachstum eine exponentielle Funktion. Exponentielle Funktionen benötigen in Niveaus gemessen immer größere Zuwächse um die Wachstumsrate konstant zu halten. Wenn das BIP nicht unendlich groß werden kann, müssen die Zuwachsraten sich stabilisieren. Wenn die absoluten BIP pro Kopf Zuwächse konstant sind muss das Wachstum gegen 0 konvergieren. Wenn nicht werden wir das ökonomische Problem irgenwann gelöst haben (Replikatorenwirtschaft in Star Treck). So weit sind wir aber noch nicht.

Hier die reale Welt-BIP-Entwicklung pro Kopf in den letzten 2000 Jahren:

Sonntag, 4. November 2012

Target 2, Ungleichgewichte, Risiken und Identitäten

De Grauwe und Ji antworten auf Sinns Argument, dass Target 2 bei einem Auseinanderbrechen der Eurozone Deutschland schwere Folgen für den Steuerzahler hätte. In Österreich ist das kein Thema, denn Österreich hat nicht in dem Ausmaß Target-Forderungen wie Deutschland.

Zu Target hat es viele Diskussionen gegeben (1,2,3,4). Einen vollständigen Überblick über die Beiträge findet man hier (großartig!). Dennoch noch einmal: Target 2 ist das Clearing System der Eurozone. Jede Bank hat bei der eigenen Nationalbank ein Konto mit Zentralbankguthaben. Kommt es zu grenzüberschreitenden Zahlungen wird das folgendermaßen durchgeführt: Wenn aus einem Land Zentralbankgeld in ein anderes Land überwiesen wird, entstehen Verbindlichkeiten und Forderungen. In dem Land aus dem das Geld versendet wird entsteht eine Verbindlichkeit und in dem Land in welchem das Zentralbankgeld ankommt entsteht eine Forderung. Bei den Zentralbanken im Eurosystem können die Bilanzen stehen bleiben, während alle anderen Nationalbanken am Ende des Tages den Saldo schließen müssen. Es werden beinahe alle Zahlungsströme über Target 2 verrechnet. Damit bilden sie einen Teil der Kapitalbilanz ab.

Solange die Eurozone bestehen bleibt, sind die Targetbilanzen problemlos, denn alle Notenbanken sind Teil der EZB. Die Targetbilanzen werden wieder ausgeglichen, wenn wieder Geld aus Deutschland in den Süden fließt. Wenn die Eurozone zusammenbricht könnten diese Targetüberschüsse für Deutschland problematisch werden. Allerdings hat Hans-Werner Sinn sie etwas weit gefasst als Kredite Deutschlands an den europäischen Süden interpretiert. Diese Interpretation ist wie ich das sehe nur zum Teil richtig. Sinn argumentiert im letzten Artikel im Wesentlichen, dass die Target-Bilanzen durch die Bankenhilfe der EZB generiert wurden. Durch die Möglichkeit Staatspapiere als Sicherheit bei der EZB zu verwenden ersetzte die EZB den Interbankenmarkt. Dies ermöglichte den Aufbau der Ungleichgewichte in Target 2 in Form von Kapitaltransfers oder Kapitalflucht nach Deutschland.

Klar und das sagen auch De Grauwe und Ji. Sie sagen aber, dass dies nicht die Risiken Deutschlands verändert habe. Denn der Aufbau der Target 2 Bilanzen stammt zum Teil aus Aussenhandelsüberschüssen Deutschlands. Die Aussenhandelsüberschüsse haben sich bereits vor der Krise aufgebaut, aber durch das Kreditvergabe deutscher Banken an den Süden (im Interbankenmarkt) nicht auf Target ausgewirkt. Erst mit dem Zusammenbruch des Interbankenmarktes - dessen Rolle die EZB übernommen hat - seien die Ungleichgewichte in den Targetsalden massiv gestiegen. Implizit haben die deutschen Banken haben ihre Kredite auf die Bundesbank überwälzt. Denn wenn die EZB die Rolle als lender of last ressort übernimmt, dann übernimmt auch die Bundesbank diese Rolle. Diese Rolle war notwendig, denn sonst hätten die Kreditvergabe an Unternehmen in Südeuropa nicht (einigermaßen) stabilisierten werden können (so interpretiere ich mal die Ergebisse von Giannone, Lenza, Pill und Rechlin).

Diese Erklärung macht intuitiv Sinn. Österreich hatte keine persistenten Aussenhandelsüberschüsse. Und die  Target2 Bilanzen blieben langweilig. Daher gibt es auch keine Target 2 Diskussion in Österreich.

Wenn die Argumentation von de Grauwe und Ji zutrifft, dann verändern sich durch den Anstieg der Target 2 Salden auch nicht die deutschen Risiken. Denn ob die Banken oder die Bundesbank die Risiken trägt ist letztlich einerlei. Bei einem Zusammenbruch der Eurozone ist es auch egal ob sie die EZB trägt. Tragen muss sie der deutsche Steuerzahler (im Fall der EZB anteilig). Und dann stimmt auch die Aussage:

Donnerstag, 1. November 2012

Koordinierte Sparpakete als Rezept zum (ökonomischen) Selbstmord?

In einem VOX EU Beitrag legen Dawn Holland und Jonathan Portes einen Betrag vor, der für Europa zeigt, dass eine konzertierte Sparpolitik zur Senkung der Schuldenquote (Schulden/BIP) unsinnig sei, denn sie führe zu einer Erhöhung der Schuldenquote.

Die Ergebnisse beruhen im wesentlichen auf modifizierten Multiplikatoren und wurden auf Basis eines ökonometrischen Modells ermittelt. In einem Modell, welches jedes Land separat geschätzt wird. Im Paper von Dawn Holland (pdf) sind Details und die Multiplikatoren für die "Baseline-Simulation" dargestellt. Die Multiplikatoren sind im Modell nicht fix vorgegeben sondern ergeben sich aus der Interaktion von Konsum, Aussenhandel usw. Hier sind die Erstrundeneffekte (Multiplikatoren) für eine Reduktion der Staatsausgaben bzw. Reduktion der Einkommenssteuern:


Österreich liegt dabei im unteren Mittelfeld. Eine Reduktion des Budgets im Ausmaß von 1% des BIP würde in normalen Zeiten zu einem Rückgang des BIP von 0.52% des BIP führen. Deutschland hat einen deutlich höheren Steuermultiplikator als Österreich. Auf Basis dieser Ergebnisse würde sich für viele Länder (außer vielleicht Griechenland und Spanien) ein Sparprogramm auf Basis von Staatsausgaben lohnen. Steuersenkungen hätten viel geringere Erstrundeneffekte. Die "geschlossene" Volkswirtschaft USA hat deutlich höhere Erstrundeneffekte.

Allerdings so Holland und Portes klammert dies aus, dass wir in nicht-normalen Zeiten sind:
  • Eine entgegenkommende Geldpolitik ist nicht möglich, normalerweise werden massive Budgetkonsolidierungen durch eine etwas lockere Geldpolitik für die Gesamtwirtschaft verträglicher gemacht. Dies ist derzeit kaum vorstellbar. Die Zinsgrenzen sind +/- erreicht und quantitatives Lockern findet bereits statt. 
  • Die Haushalte (insbesondere in den Krisenstaaten) sind liquiditätsbeschränkt (Arbeitslosigkeit, höhere Unsicherheiten). Folge ist, dass der Konsum nicht über die Zeit geglättet werden kann. Wie das normalerweise passiert.
Darüberhinaus hat eine konzertierte Sparanstrengung auch Netzwerkeffekte, denn das Sparen findet in stark miteinander vernetzten Volkswirtschaften statt (Importe und Exporte). Diese sollte die negative Wirkung der Sparanstrengungen noch verstärken. 

Sie schätzen dann ihr Modell mit den geplanten Konsoldierungsmaßnahmen 2011 bis 2013 für drei Jahren in zwei Szenarien: 
  1. Szenario 1 ist wenn die konzertierten Sparvorhaben unter normalen Umständen durchgeführt werden (entgegenkommende Geldpoltiik) und kaum liquiditätsbeschränkte Haushalte. 
  2. Szenario 2 sieht keine Änderung der Geldpolitik vor und ein größerer Teil der Haushalte ist liquididätsbeschränkt. 
Die Ergebnisse sind: Auswirkungen auf das BIP in den drei Jahren. Die Zahlen sind % sind Abweichungen vom BIP-Niveau der Basislösung (Lösung ohne Sparpakete):

Dienstag, 30. Oktober 2012

Konjunktureinschätzungen in der zone

Die europäische Kommission (GD Finanzen) hat die neuen Daten für Oktober ihrer Business and Consumer Surveys veröffentlicht. Unten sind ein paar Grafiken welche die Unternehmens- und Konsumentenbefragungen auf europäischer Ebene aggregiert darstellen. Man braucht keine Lupe. Es sieht nach wenig optimistischen Einschätzungen aus. Deutlich unter dem langfristigen Trend und fallend. wenn überhaupt gibt eine vorsichtige Stabilisierung auf niedrigem Niveau. 

Zusammenaggregiert (mit fixen Gewichten) über alle Bestandteile heisst der Index ESI (European Sentiment Indicator) und hat ähnliche Dynamiken. Hier gibt es ein bisschen "Konvergenz zu beobachten":
Although the majority of the Member States witnessed a drop in economic sentiment, this was only the case for three out of the seven largest Member States: the ESI registered falls in Poland (-2.8), France (-1.8) and Germany (-1.4). However, the ESI continued last month's recovery in the UK (+5.2) and Spain (+1.8) and rose slightly in the Netherlands (+0.8) and Italy (+0.5).


Aber bei den Bildern unten kann man diese Einschätzung fast schon als Zweckoptimismus bezeichnen. 


Montag, 29. Oktober 2012

Strohnach und die Vielfältigkeit des Euro

Also jetzt hat Team Strohnach mich doch eingeholt. Die Homepage hat unter Programm nichts wirklich lesbares zu bieten außer Schlagworte. Doch soll ein Grundsatzpapier existieren. Der Kurier hat einen Blick darauf geworfen. Interessant fand ich folgende Punkte:
Euro Keine Rede ist mehr davon, zum Schilling zurückzukehren. Stronach will den Euro, allerdings sollte jedes Land seinen eigenen haben: "Die Österreicher einen österreichischen Euro, die Italiener einen italienischen Euro, die Griechen einen griechischen Euro und die Deutschen einen deutschen Euro", heißt es im Grundsatzpapier. Der deutsche Euro soll Maßstab sein. 
(...)
Schule In Sachen Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen hat sich das "Team Stronach" noch nicht festgelegt. Für die Jüngeren gibt es schon Ideen; auch da liegt der Fokus auf Ökonomie: "Wirtschaftliche Bildung muss als eigenes Fach schon in der Volksschule gelehrt werden." 
Also ich weiss nicht. Wirtschaftliche Bildung für Erst-, Zweit- oder Drittklassler finde ich etwas übertrieben. Die sollen doch mal spielerisch Schreiben, Lesen und Rechnen lernen. Dann sollten auch volkswirtschaftliche Zusammenhänge erklärt werden. Denn allein mit Bilanz, Finanzmarkt und Kostenrechnung wird sich das nicht spielen. Aber mir schwant wenig gutes wenn ich da gleichzeitig lese, dass jedes Land seinen Euro kriegen soll. Was soll das heissen? Rückkehr zur nationalen Währungssouveränität oder eine Wiederauflage des EWS oder ist es Wahlwerbung in seiner reinster Form?

Wenn es ernst gemeint ist, dann erklärt mir jemand was das wie funktionieren soll. Die gemeinsame Bankenregulierung ist dann ausgeträumt, denn die EZB als "lender of last ressort" kann nicht mehr existieren. Ausser alle koppeln ihre Währungen an den Deuro. Aber wie das funktionieren soll, das muss mir mal jemand erklären.

Wenn die Griechen ihren Greuro kriegen, wie werden die Anleihen griechischer Banken und. die Staatsanleihen notiert? Gilt auch für die spanischen und italienischen. In Deuro, Greuro, Espeuro, Iteuro oder Öeuro? Wenn in nationalen Euros, dann wage ich zu behaupten, gibt es ein Erdbeben in den Bankenbilanzen und wenn in Deuro dann wahrscheinlich ebenso. Also wie soll das gehen? Does someone have a plan? Ich bezweifle es. Wirtschaftliche Bildung sollte nicht nur in der Volksschule gelehrt werden.




... nochmals Multiplikatoren

Mathias Klein und Georg Quaas haben eine Post über ein- und ausgabenseitige Multiplikatoren auf Ökonomenstimme. Im Gegensatz zur vorherigen Post über Multiplikatoren über den Konjunkturzyklus, analysieren Klein und Quaas unterschiedliche Instrumentarien der Politik und testen die grundlegende Hypothese ob ausgabenseitige Multiplikatoren (Staatsausgaben wie Infrastruktur) höhere Multiplikatoreneffekte aufweisen als einnahmenseitige Multiplikatoren (Steuersenkungen).

Zum überprüfen der Hypothese verwenden sie zwei ökonometrisch kalibrierte Modelle (KOMO und EMGE - detals siehe post), weil:
Wir gehen davon aus, dass makroökonometrische Modelle mittlerer Größenordnung auf dem Gebiet der Konjunktur-, Wachstums- und Krisenforschung ein Instrumentarium darstellen, das durch die modernen Trends in der Ökonometrie nur bedingt ersetzt werden kann. Eine der wesentlichen Ursachen dafür besteht darin, dass nur mit Simulationen auf der Grundlage eines komplexen makroökonometrischen Modells die ceteris paribus-Bedingung sichergestellt werden kann, während bei den sonst üblichen Analysen oft zu lesen ist: “[…] it has not been possible to control for all other policy variables that might have influenced the evolution of GDP."
Ihre Ergebnisse:



Die Ergebnisse sind für die beiden Modelle unterschiedlich. Die Autoren sprechen auch davon, dass einige der Simulationen auch misspezifiziert sein können. Sie vermuten eher das KOMO - Modell. Allerdings zeigt auch im KOMO Modell (mit Ausnahme der monetären Transfers an private Haushalte), dass Staatsausgaben Steuersenkungen als fiskalpolitischer Impuls überlegen sind. Genau so wie es die keynesianischen Einführungslehrbücher es zeigen. Allerdings kann das auch Modellspezifikation sein ;). Daher hätte ich gern ein bisschen mehr Modelle aber auch Evidenz auf Basis ökonometrischer Analysen. Insbesonders bei makroökonomischen Zusammenhängen ist die die Vielfalt der Evidenz relevant. Zum einen kann einm einzelnes Ergebnis kann immer auch dem Zufall oder exzessiven Datenquälen geschuldet sein, zum anderen können erst so Überlegungsfehler festgestellt werden. Let the data speak ist naiv, allerdings auch zuviel Zuversicht in die theoretische Modelle mit zweifelhaften Annahmen  - jedes Modell muss ein zwei oder mehrere explizite oder implizite zweifelhafte Annahmen aufweisen.

Qual und Klein haben aber auf jeden Fall recht, wenn sie im Abschluss ihres Beitrags schreiben:
Selbst wenn man einräumt, dass auch Multiplikatoren keine Konstanten sind, so dürfte ihre Kenntnis doch zumindest für die aktuelle Diskussion eine wesentlich verlässlichere Richtschnur sein als das oft anzutreffende Schema: Konjunkturstimuli – Wunderwaffe oder Strohfeuer?

Freitag, 26. Oktober 2012

Die fiskalische Theorie des Preisniveaus (a bit wonkish)

Normalerweise wird die Stabilisierungspolitik von Makroökonomen als Politik gesehen, in der die Nationalbank die Inflationsrate stabilisiert während die Fiskalpolitik (gegenwärtige und zukünftige Steuern) das Staatsschuldenniveau stabilisiert. Die Staatsverschuldung hat keine Auswirkung auf die Geldpolitik.

Leeper (1991) hat dies als aktive Geld- und passive Fiskalpolitik bezeichnet. Aktiv heisst, dass die Geldpolitik keine keine Rücksicht auf die gegenwärtigen oder vergangenen Variablen (Staatsverschuldung) nehmen muss, die von der passiven wirtschaftspolitischen Einheit (Staat) kontrolliert werden. Eine passive Politik ist dadurch gekennzeichnet, dass die wirtschaftspolitische Einheit in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist und auf die Entscheidung der aktiven Einheit (Geldpolitik) Rücksicht nehmen muss.

Die fiskalische Theorie des Preisniveaus, von Woodford und anderen entwickelt, besagt, dass die Fiskalpolitik aktiv ist und die Geldpolitik passiv. Diese Theorie ist unter Ökonomen stark umstritten. In letzter Instanz sagt diese Theorie, dass die Staatsverschuldung die Inflation beeinflussen kann. Gerade in einer Situation wie der jetzigen, wo der Stabilisierungspolitik der Notenbank durch den "zero lower bound" Grenzen gesetzt sind.

Die grundlegende Idee ist die folgende: Im Gegensatz zur konventionellen Theorie, die besagt, langfristig beeinflusst nur die Geldmenge die Inflation, wird die Budgetbeschränkung nicht als Budgetbeschränkung, sondern als Gleichgewichtsbedingung aufgefasst. Dies kann zur folge haben, dass das Preisniveau auch durch die Staatsverschuldung determiniert wird, auch langfristig. Die Folge einer Verletzung der Budgetbeschränkung ist, dass die Fiskalpolitik aktiv ist und die Geldpolitik passiv. Um die Wirtschaft zu stabilisieren, muss die Zentralbank inflationäre "Überraschungen" generieren um die reale Staatsverschuldung zu reduzieren.

Fiskalische Disziplin, d.h. ein ausgeglichenes Budget über den Konjunkturzyklus (Überschüsse in guten Zeiten, Defizite in schlechten Zeiten) sind notwendig um das Preisniveau stabil zu halten. Defizite brauchen Inflation in der Zukunft. Mit aktiver Fiskalpolitik und passiver Geldpolitik ist Inflation-targeting unmöglich und letztlich aus unglaubwürdig. Inflation-targeting wie es die EZB und die meisten Nationalbanken betrieben benötigt eine aktive Geldpolitik und eine passive Fiskalpolitik.

Die fiskalische Theorie des Preisniveaus ist umstritten. Manche bezeichnen sie als Denkfehler und als inkonsistent. Gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtseffekte sprechen in der Regel gegen eine Monetisierung der Staatsschulden.

Allerdings können Regeln sich ändern. Ein Papier von Danvig und Leeper geht in die Richtung, es wird argumentiert, dass sich die Charakterisierung von Geld- und Fiskalpolitik stochastisch ändern können. Und beide kurzfristig auch gleichzeitig passiv oder aktiv sein können. Dies sollte aber langfristig unmöglich sein.

Die Politik der EZB ist meiner Einschätzung nach aktiv. Ich habe aber das Gefühl, sie möchte um (keinen Preis) den aktiven Part den Staaten übertragen. In einer Währungsunion ist das auch viel problematischer als in einem Bundesstaat, wie der USA ...



Donnerstag, 25. Oktober 2012

Staatsausgabenmultiplikatoren ...

In der letzten Post fragte ich mich ob Staatsausgabenmultiplikatoren asymmetrisch sein können. Und der Economist hat den Artikel dazu. Nicht zur Asymmetrie von restriktiver und expansiver Politik, aber von der Asymmetrie von Multiplikatoren über den Konjunkturzyklus: No short cuts: Short-term austerity in the aftermath of a severe crisis may prove more painful than thought.

Free Exchange gibt noch ein bisschen Kontext dazu:
The broad move toward austerity is real, despite what you may have heard. Cyclically-adjusted deficits across advanced economies declined from 5.9% of GDP to 4.3% from 2010 to 2012, including a drop of 1.9 percentage points in America, 2.6 percentage points in the euro area, and 2.7 percentage points in Britain. Japan is the sole outlier among major advanced economies.
Zur Erinnerung Staatsaugabenmultiplikatoren beschreiben den Effekt von Änderungen in den Staatsausgaben und Steuern auf das BIP. Bei einem Multiplikator von 1,2 führt eine Erhöhung der Staatsausgaben um 1 Euro zu einem um 1,2 Euro höheren BIP. Bei einer Reduktion der Staatsausgaben um 1 Euro reduziert sich das BIP um 1,2 Euro. Bei einem Multiplikator von 0.5 würde die Reduktion der Staatsausgaben um 1 Euro das BIP nur um 50 Cent reduzieren. Daher ist die Höhe des Multiplikators wesentlich für die Wirkung von Budgetkonsolidierungen.

Es gibt Schätzungen von Multiplikatoren wie Sand am Meer. Alesina und Ardagna (2012) argumentieren, dass Budgetkonsolidierungen expansiv sein können. Allerdings zeigen die meisten Studien, dass der Multiplikator in der Regel um 1 liegt. Im Economist wird ein Teil der Evidenz so beschrieben:

Strukturreformen, Multiplikatoren und Krisenländer

Makroökonomen, insbesondere keynesianischer Prägung, vergessen manchmal auf die institutionelle Qualität von Ländern. Fiskalpolitik hat eine expansive Wirkung. Doch könnte es nicht sein, dass die institutionelle Qualität die Wirksamkeit on Fiskalpolitik beeinflusst. Die Entwicklungsökonomie sagt ja. In Entwicklungsländern ist die Fiskalpolitik zumeist prozyklisch.

Im internationalen Vergleich muss man institutionelle Variablen berücksichtigen. Korruption, die Effektivität von Regierungshandeln und rechtsstaatliche Prinzipien sind über die Länder hinweg deutlich unterschiedlich. Es kann gut sein, dass auch in EU Ländern die Multiplikatoren davon betroffen sind. Strukturreformen im staatlichen Bereich könnten das beeinflussen.Griechenland hat vor kurzem eine dramatische Verwaltungsreform der Finanzverwaltung angekündigt:

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Der Wert des Euro, Gold und Nikolaus Jilch

In der Presse versucht Nikolaus Jilch über Milchmädchenargumentation Gold eine Bedeutung zukommen zu lassen, die es nicht mehr besitzt. Der Goldstandard ist längst Geschichte, auch wenn der Euro (gemeinsame Währung) für die Euroländer die gleichen Beschränkungen bereitstellt wie der Goldstandard, aber das ist eine andere Geschichte. Mit einer intrinsischen Bindung des Geldwerts an Gold hat das nichts zu tun.

Notenbanken besitzen Gold. Traditionell. Da sie nicht auf Gewinn ausgerichtet sein müssen, gibt es für Nationalbanken keine Veranlassung Gold zu verkaufen. Ein Goldverkauf gegen eigene Währung würde die Geldmenge reduzieren. Aber nicht weil weniger Gold da wäre. Nein, weil der Mechanismus wenn Geld bei der Notenbank anlangt, Geldzerstörung genannt wird. Verkauft die Notenbank Gold gegen fremde Währungen findet ein Assettausch statt. Tauscht sie Gold gegen Wertpapiere passiert dauch ein Assettausch. Gold zu verkaufen ist deutlich mühsamer als Devisen oder Wertpapiere zu verkaufen.

Mit dem Anstieg des Goldpreises (eine Blase?) haben sich die Marktpreise der Goldassets erhöht. No Na Net. Dasselbe würde für andere Assetpreise unter Asset-Inflation gelten (Bonds, fremde Währungen, Betongold etc.). Also nichts neues. Aber Jilch geht einen Schritt weiter und verlässt den Boden der ökonomischen Tatsachen:

Dienstag, 23. Oktober 2012

Wenn Geld ein Bubble ist, dann ist der Markt eine Schaumparty

In der Blogoshpere gibt es eine interressante Diskussion zur Frage ob Geld (im Sinn von Fiat Money) eine Blase ist. Noahpinion hat die Diskussion gestarten, weil ihm in einer Post von Stephen Williamson folgendes aufgefallen ist:

What is a bubble? You certainly can't know it's a bubble by just looking at it. You need a model. (i) Write down a model that determines asset prices. (ii) Determine what the actual underlying payoffs are on each asset. (iii) Calculate each asset's "fundamental," which is the expected present value of these underlying payoffs, using the appropriate discount factors. (iv) The difference between the asset's actual price and the fundamental is the bubble. Money, for example, is a pure bubble, as its fundamental is zero. (emphasis Noahpinion)
Die Diskussion ist deswegen interessant, weil alle Beteiligten darüber übereinstimmen, dass Papiergeld (im Sinn von Fiat Money) keinen intrinsischen Wert hat. Geld ist gedrucktes Papier, elektronische Impulse und was auch immer. Bei der Diskussion geht es darum ob Geld eine Blase ist oder nicht. So wie ich die Diskussion lese geht es zum einen mehr um die Definition "Was ist eine Blase" als um die Definition von "Geld". So antwortet zumindest Stephen Willamson. Allerdings ist Geld besonders. Der fundamentale Wert des Geldes ist stofflich null. Wenn man Stephen Williamsons Definition unterschreibt ist Fiat Money eine reine Blase.

Allerdings ist das die richtige Definition von Blase? Ich habe meine Bedenken. Zum einen haben viele wertvolle Konventionen keinen intrinsischen oder fundamentalen Wert. Und Geld ist in letzter Instanz eine gesellschaftliche Konvention.

Die Sprache hat keinen Wert. Das Rechtsfahren auf Straßen hat keinen intrinsischen Wert (ohne Gegenverkehr). Der Wert ergibt sich aus der Kommunikation und der Interaktion. Beim Rechtsfahren kann erwartet werden, dass der Gegenverkehr links kommt. Deshalb haben wir in England Probleme. Zumindest im zweiten Fall gibt es eindeutig einen Wert der Anwendung der Konvention. Die Verhinderung von Unfällen schafft ökonomischen Wert (nicht dass dieser das BIP erhöht, aber das ist eine andere Geschichte). Zum anderen können derartige Blasen ewig bestehen. Ewig bestehende Blasen haben aber mit dem, was gemeinhin als Blase verstanden wird wenig zu tun. Und beinahe alles ist eine Blase, sofern man individualistisch denkt. Der Markt ist in dem Fall in seiner Essenz eine Schaumparty, denn Handel findet nur dann statt, wenn jede der Seiten Vorteile hat, das heisst Blasen existieren. Für den Verkäufer muss gelten:

Sonntag, 21. Oktober 2012

Steuern, Steuerhinterziehung und Steuerzuckerl

In der Presse spricht mir Urschitz fast aus dem Herzen:
In Österreich beispielsweise wird der Einnahmenentgang durch Steuerhinterziehung auf zwei Mrd. Euro geschätzt. Da sind Mehrwertsteuer- und Sozialversicherungsbetrug (im Wesentlichen also der Pfusch, der um die vier Mrd. Euro Mehrwertsteuerentgang kostet) noch gar nicht enthalten. 
Ganz nebenbei: Der Schaden, den die überwiegend im Bereich der öffentlichen Hand auftretende Korruption anrichtet, wird hierzulande auf 17 Mrd. Euro geschätzt. (...)
 Wenn wir also schon von Steuergerechtigkeit reden, dann soll die Regierung erst einmal zusehen, wie sie ihre bestehenden Gesetze exekutiert, statt ständig neue Belastungen zu erfinden. Wenn der Datenaustausch dazu beiträgt – dann wird man wenig dagegen sagen können.
Aber leider nur fast. Das (implizite) Argument, dass Verhinderung der Steuerhinterziehung keine Veränderung der Steuerstruktur (in Urschitz Fall Vermögenssteuern) überzeugt mich nicht.

Da sind die Vorschläge Spindeleggers Expertengruppe Unternehmen 2025 zum Steuersystem schon sympatischer (Presse, Kurier, NÖN). Es geht um Reduktion des Eingangsteuersatzes bei der Einkommenssteuer, der Eliminierung der Steuervorteile für das 13. und 14. Gehalt (bisher ca. mit 6 % besteuert) und die Reduktion des Spitzensteuersatzes auf 44% sowie eine Reduktion der Körperschaftssteuer auf 20% und Ersatz der Dienstnehmer und Dienstgeberbeiträge durch einen einheitlichen Dienstgeberanteil wird vorgeschlagen. Darüber soll man diskutieren. Vieles ist gut. Wie die geplante Absenkung des Eingangsteuersatzes, der in Österreich relativ hoch ist: