Freitag, 3. April 2009

staatsschuld und vertrauen

In Kommentaren zur Wirtschaftskrise werden derzeit vor allem zwei große Befürchtungen geäußert: i) die expansive Geldpolitik führe zu Inflation (darüber wurde in diesem Blog schon geschrieben) und ii) die (über-)expansive Fiskalpolitik bzw. die Verschuldung senke das Vertrauen der Bevölkerung in die Wirtschaftspolitik und ist somit unwirksam, u.a. weil die Bevölkerung die zusätzlichen staatlichen Impulse über vermehrtes Sparen (Konsumzurückhaltung) ausgleicht. Gutes Beispiel für ii) ist Andreas Schnauders jüngster Kommentar im Standard:

Dass die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer hingegen keinen Durchbruch für neue Konjunkturprogramme schafften, kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Was die Welt jetzt benötigt, ist Vertrauen. Und das wird nicht mit einer Explosion der Verschuldung erzeugt, sondern mit Einigkeit bei der Stoßrichtung der globalen Finanzmarktreform.
Ein Artikel der Nationalbank aus dem Jahr 2003 untersuchte die damalige Konsumzurückhaltung in Österreich, insbesondere den atypischen Anstieg der Sparquote in konjunkturell schlechten Zeiten. Damals sprachen etwa EU und IWF von möglichen nicht-keynesianischen Effekten des staatlichen Konsums (wenn staatliche Ausgaben nicht zur Wirtschaftsstützung beitragen). In der repräsentativen Befragung der Nationalbank wurden jedoch v.a. der wahrgenommene Preisauftrieb und die Angst vor Arbeitslosigkeit als Gründe für Konsumzurückhaltung genannt.
Keine Zustimmung fand in der Befragung die Hypothese, die Zunahme der Staatsverschuldung würde den Konsum dämpfen − für 91% der Befragten hatte die Zunahme der Staatsverschuldung keinen Einfluss auf ihre Konsumentscheidungen.

Expansive Fiskalpolitik führt aber genau dazu, dass die Arbeitslosigkeit in Krisenzeiten nicht so stark steigt. Damit kann expansive Fiskalpolitik sehr wohl einen Beitrag zur i) Wirtschaftsankurbelung und ii) Vertrauensbildung leisten. Dass die Fiskalpolitik weit von "explosiven" Niveaus entfernt ist, schreibt treffend Martin Wolf in der FT
Im Umkehrschluss ist es genauso abwegig, von expansiven Wirkungen von Budgetkonsolidierungen auszugehen - diese sind empirisch nicht festzumachen und auch schon theoretisch fragwürdig (u.a. aufgrund der vielen Annahmen, die so in der Praxis nicht erfüllt sind). In einer Zeit wie jetzt mit derart starken Nachfrageausfällen der privaten Akteure (Konsum und Investitionen) und der eingeschränkten Funktion der Geldpolitik (Finanzkrise...) muss die Fiskalpolitik international gegensteuern.

Kommentare:

  1. Anonym22:17

    Interessant habe ich im Text von Doris Prammer die Fussnote gefunden:

    Der so genannte "German view" steht für die Ansicht, dass außergewöhnliche Budgetkonsolidierungen die
    Gesamtnachfrage positiv beeinflussen.

    Das scheint akademisch ja immer noch zu gelten.

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  2. Anonym09:40

    Ich halte weder von der These, noch von der Begründung der Antithese sonderlich viel.

    Die These geht vom homo oeconomicus aus, der noch dazu über die aktuelle Entwicklung des Schuldenstands informiert ist. Welcher Durchschnittsösterreicher weiß denn, wieviel der Staat an Schulden und Zinslast hat und ob das viel ist, oder wenig? Und wieviele beschäftigen sich im Detail mit einer Finanzmarktreform?

    Weiters wird davon ausgegangen, dass der Durchschnittskonsument Schulden ablehnend gegenüber steht. Die Medianverschuldung beträgt etwa 40.000€. Warum sollten die gleichen Konsumenten, die sich für ihr Haus bzw. ein Auto mit dem mehrfachen eines Jahreseinkommens verschulden und nicht von ungefähr von Unternehmern mit Finanzierungsabgeboten für Flachbildfernseher bis zu Urlaubsreisen bombardiert werden, sich so große Sorgen wegen der vergleichsweise geringeren und kollektiven Staatsverschuldung machen?

    Andreas Schnauder betreibt Projektion. Er schließt von sich auf andere.

    Aber auch die Entgegnung mit der Umfrage ist schwach. Ich bezweifle, dass wir Menschen die Gründe für unser Konsumverhalten explizit benennen können.

    Mitzi Gurkic, 21, Friseuse aus Wien 17: "Normalerweise schwöre ich auf Nivea Creative Eyes Trio. Aba, wie ich dann ghört hab, dass die Staatsverschuldung dieses Jahr auf 62,5% des Bruttoinlandsprodukts ansteigen wird, habe ich mich entschieden auf einen günstigen Lidschatten einer Eigenmarke umzusteigen."

    - dieter

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  3. Anonym21:26

    Wenn Preisauftrieb zu Konsumzurückhaltung führt, dann bräuchten wir uns über die Ricardianische Äquivalenz keine Sorgen machen. Staatsschulden haben dann keinen Einfluss haben auf die Konsumentscheidungen individuellen Ebene. Doch heisst das zwingend, dass ricardianische Äquivalenz auf der aggregierten Ebene keine Rolle spielt?

    Vielleicht aber kommt die Ricardianische Äquivalenz ja wieder wie die Ergebnisse Volker Wielands u.a. nahelegen.

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