Sonntag, 29. März 2009

Krippen und Kindergärten statt freien Hochschulzugang

Was die österreichische (und auch die deutsche wahrscheinlich) Bildungspolitik berücksichtigen sollten, ist dass bei der Bildung im frühen Stadium angesetzt werden muss. Dann ist die Intervention billiger. Und später ist es zu spät. Dafür gibt es auch ein "ökonomistisches Argument"*: The Productivity Argument for Investing in Young Children, dessen Abstract sich so liest:
This paper presents a productivity argument for investing in disadvantaged young children. For such investment, there is no equity-efficiency tradeoff.
Das klingt doch sehr nach Herstellung von Chanchengleichheit. Noch mehr gefällt mir ein Teil aus Flavio Cunha, James J. Heckman, Lance Lochner, Dimitriy V. Masterov (2005) Interpreting the Evidence on Life Cycle Skill Formation, IZA Discussion Paper No. 1675, den ich Fett unterlegt habe:
Our analysis demonstrates the quantitative insignificance of credit constraints in the college-going years in explaining child college enrollment. Controlling for cognitive ability, under current meritocratic policies in American society, family income during the child’s college-going years plays only a minor role in determining child college participation, although much public policy is predicated on precisely the opposite point of view. Abilities (and skills) are formed over time, and the early periods in a child’s life cycle are crucial for development. Augmenting family income only in the time period when a child goes to college will not make up for suboptimal investment in the 18 years before. (...)

Carneiro and Heckman (2002, 2003) present evidence for the United States that only a small fraction (at most 8%) of the families of American adolescents are credit constrained in making their college decisions. The quantitatively important constraints facing disadvantaged children are the ones determining their early environments–parental background, and the like. The empirically important market failure in the life cycle of child skill formation is the inability of children to buy their parents or the lifetime resources that parents provide, and not the inability of families to secure loans for a child’s education when the child is an adolescent. Our analysis has major implications for the way policies should be designed in order to help low income and disadvantaged populations. Evidence from disadvantaged populations demonstrates that enriched early interventions can raise measured ability and other skills.
Und by the way. Herr Heckman war Nobelpreisträger 2000. Wichtiger vielleicht für die politische Diskussion: Er gilt als "konservativer - libertärer" Chicago Boy.

Und auf deutsch zusammengefasst: Der freie Hochschulzugang kostet, bringt in Österreich verteilungspolitisch wenig - die Selektion findet früher statt. Förderung zu einem früherem Zeitpunkt ist billiger und bringt verteilungspolitisch mehr.


* also eines das ich verstehe ;-).

Kommentare:

  1. Absolute Zustimmung meinerseits!

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  2. Anonym13:10

    Wenn man mit der Wirtschaftswissenschaft und der Bildungswissenschaft gleich zwei unexakte, ideologisch aufgeladene Disziplinen kreuzt, ist Vorsicht geboten.

    "disadvantaged young children" = Schwarze Ghettokinder
    Habe das Papier nur flüchtig überflogen. Unter anderem wird das berühmte High/Scope Perry Preschool Project genannt.
    Nett, aber was hat das mit Österreich zu tun? In den USA gibt es auch keine berufsbildenden Schulen und kein reguläres Äquivalent zum Hauptschulabschluss + Lehre.

    Apropos bubbles. Ich habe irgendwo eine plausible Argumentation gelesen, dass es in den USA eine college bubble gibt.

    - dieter

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  3. nacken01:18

    @ dieter: die evidenz für österreich ist jene dass kinder benachteiligter gruppen durch den rost des bildungssystems fallen - unglernt oder in "sterbenden" Berufen eine Lehre machen. Ob das nun ausländerkinder sind oder kinder "benachteiligter" österreichischer gruppen. die arbeitslosenraten nach ausbildung sprechen hier bände.

    die selektion der kinder findet in österreich primär auf basis des einsatzes der eltern zu einem relativ frühen zeitpunkt statt. Auch deshalb hat österreich relativ wenig tertiäre absolventen, im vergleich zu vergleichbaren ländern in Europa. da kann auch die HTL und die Pädak Österreich nicht retten - denn die werden in den internationalen Statistiken - nach österreichischer Intervention - mittlerweile als semiakademisch dazugezählt.

    Eine stark berufsbildende Orientierung des Bildungssystems kann auch ein Nachteil sein/werden, besonders wenn lebenslanges (um)lernen eine notwendigkeit wird. Um es überspitzt auszudrücken: ein Wirtschaftswissenschafter kann auch marktstandler oder tankstellenpächter werden. umgekehrt ist das schwerer.

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