Samstag, 5. November 2011

Mythos Begabung

Eva Novotny hat im Spectrum dieser Presse einen längeren Beitrag zum Thema Mythos Begabung. Zentrales Ziel des Beitrags ist es den Begriff der "natürlichen Begabung" und des "Hochbegabten" zu hinterfragen. Novotny führt an, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für "Hochbegabung" gibt:

Es gibt keine wissenschaftlich belastbare Theorie, geschweige denn empirische Nachweise einer Koppelung von Genen mit bestimmten höheren menschlichen Fähigkeiten. Ebenso wenig gibt es einen wissenschaftlich definierten Begriff von „Begabung“ oder „Hochbegabung“. Diesen Konzepten hängt etwas Metaphysisches an – oder sie folgen dem platten biologistischen Deutungsmuster: Alles, was wir uns in seinem Zustandekommen gerade nicht erklären können, muss genetisch determiniert sein. Selbst unter Propagandistinnen und Praktikern der sogenannten Hochbegabtenförderung existieren bloß Alltagskonzepte. Es bleibt unklar, welches Phänomen genau mit „Begabung“ beschrieben werden soll, wie es zustande kommt und anhand welcher Kriterien man es erkennen oder vorhersagen könnte.
Begabung ist laut Novotny primär harte Arbeit und kreatives lernen können. Somit ist Begabung primär ein politischer Kampfbegriff. Eliteuniversitäten und Schulen für Hochbegabte sind somit eher Kampfbegriffe, die die soziale Selektion in etablierte Bahnen lenkt. Laut Novotnoy sind Habitus und Codes für Umgangsformen für den sozialen Aufstieg (vielleicht besser Stabilität der Oligarchie) essentiell:

Karriereverläufe von 6500 Promovierten in Deutschland aus den Jahren 1955 bis 1999 verweisen auf eine ausgesprochen exklusive soziale Rekrutierung der Wirtschaftseliten. Ungefähr jeder zweite Spitzenmanager stammt aus dem Großbürgertum, das bloß fünf Promille der Bevölkerung stellt, ein gutes Drittel rekrutiert sich aus dem übrigen Bürgertum (drei Prozent der Population). Selbst von den Promovierten aus Mittelstand und Arbeiterklasse schaffen es nur ein bis zwei Prozent in Spitzenpositionen.
Spannend. Ich denke das spricht nicht gegen Messi. Ein bisschen natürliches Talent muss es auch geben, wenngleich nicht notwendigerweise genetisch übertragen. Aber wir wissen nicht wieviele potentielle Messis es nicht schaffen, weil sie nicht trainieren, trainieren oder keine Gelegenheit zum Trainieren wie in den Barcelona Jugendmannschaften haben.

Natürlich ist der Beitrag im Kontext der Österreichischen Bildungsdebatte zu lesen:

Die Idee, sich in der Förderung auf bestehende Stärken zu beschränken, ist gänzlich unzeitgemäß. In einer dynamischen Welt, wo Wirtschaft nicht planbar ist, sind es Biografien schon gar nicht. Deshalb kann nur die möglichst vielseitige Entwicklung aller Menschen als Bildungsziel gelten. Die „glücklichen Seitensprünge des Lebens“ (Montaigne) bringen uns auf die Höhe unserer Möglichkeiten und machen uns anschlussfähig an alle Eventualitäten – nicht zuletzt an die Erfordernisse der Demokratie.

Da bin ich bei Novotny und denke an Kindergarten und Volksschule. Die Förderung einzelner Hochbegabten aus besseren Bildungsverhältnissen kann nur ein Ziel der Bildungspolitik sein. Bildungspolitik muss primär bei der Masse ansetzen und hier bei den Benachteiligten und vor allem früh. Chancengleicheit muss erst erzeugt werden.

Als Ökonom bevorzuge ich ökonomische Argumente. Und da kann ich gleich meine Lieblingspassage aus Cunha, Heckman, Lochner, Masterov (2005) Interpreting the Evidence on Life Cycle Skill Formation, IZA Discussion Paper No. 1675, die ich Fett unterlegt habe, anbringen:

The quantitatively important constraints facing disadvantaged children are the ones determining their early environments–parental background, and the like. The empirically important market failure in the life cycle of child skill formation is the inability of children to buy their parents or the lifetime resources that parents provide, and not the inability of families to secure loans for a child’s education when the child is an adolescent. Our analysis has major implications for the way policies should be designed in order to help low income and disadvantaged populations. Evidence from disadvantaged populations demonstrates that enriched early interventions can raise measured ability and other skills.
Das Marktversagen ist, dass es für Neugeborene keinen Markt für Eltern gibt. Das klingt im ersten Moment absurd und abstrus. Ist es aber nicht. Für Ökonomen ist ein Marktfehler eine notwenige (aber nicht hinreichende) Bedingung für Staatliches Agieren. Dieses Marktversagen ist so fundamental, dass kaum ein Trade-off zwischen Effizienz und Fainess existieren kann und dieses Marktversagen nicht wegdiskutiert werden kann.

Somit hat Novotny recht, die wissenschaftliche Evidenz sagt wenig über eine genetische Vererbung von Intelligenz, Begabung und Talenten. Der wichtigste Kanal zur Übertragung von Begabung scheint die Fähigkeit von Eltern zu sein, ihren Kindern Lernen bei- und Interessen nahezubringen. Hier muss die Politik ansetzen, will sie mehr erreichen als mit Geld das schlechte Gewissen von uns Bildungsbürgern zu beruhigen. In diesem Sinne: die Kindergartenbudgets sind wichtiger als der kostenlose Universitätszugang. Letzterer ist teuer und hat im Vergleich kaum Wirkung.





Kommentare:

  1. Ich finde den Artikel von Novotny äußerst schwach. Praktisch alle ihre Argumente sind vollkommen daneben und die Beweisführung über den Informationsgehalt von DNA ist einfach nur haarsträubend.

    Dass es Menschen mit besonderen Begabungen gibt ist einfach eine Tatsache. Selbstverständlich ist gute Ausbildung und harte Arbeit eine Voraussetzung - aber eben nicht die einzige. Es gibt unzählige Eltern, die ihre Jugendträume auf ihre Kinder projezieren und ihnen die besten Voraussetzungen geben erfolgreiche Sportler oder Künstler zu werden und es wird halt doch nie was, weil das Talent fehlt. Und wie viele reiche Eltern schicken ihren Sprössling auf die besten Schulen aber der bleibt halt trotzdem immer ein Trottel?

    Es stimmt natürlich schon: wenn die Kinder vom Fernsehen erzogen werden, dann hat das negative Auswirkungen, die nie mehr aufgeholt werden können. Aber deswegen darauf zu schließen, dass es es sowas wie (Hoch)begabung überhaupt gar nicht gibt stimmt einfach nicht.

    Die wissenschaftliche Evidenz zur Vererbung der Intelligenz ist recht klar. Die Heritabilität von Intelligenz ist ca. 75%. Für Kinder, die in einem ungünstigen Umfeld aufwachsen bestimmt aber in erster Linie diese Umfeld die Intelligenz.

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  2. Jein. Zum einen ist die Evidenz ist nicht ganz so klar wie du anmerkst. Die bis zu 70% kommen aus den Zwillingsstudien, die untersuchen wie unterschiedliche die intelligenz eineiiger Zwillige ist. Studien über Geschwistern kommen zu deutlich geringeren Ergebnissen.

    Adoptionsstudien zeigen, dass die Korrelation zu den Adoptiveltern höher ist jener zum IQ der leiblichen Mutter in Abhängigkeit zum Alter der Adoption der Kinder. Das zeigt, dass die Vererbung von Eltern zu Kind keineswegs deterministisch ist. Also Gene spielen eine Rolle, aber nicht unbedingt die Intelligenz der Eltern ;). Heritabilität kann auch lamarkianisch sein.

    Meine Frage war aber eher welche Rolle "Hochbegabung" in der Bildungspolitik spielen sollte. Du hast Recht: Messi ist Messi und Mayerhofer hatte nie das Potential. Aber ist das in dem Kontext wirklich relevant?

    Besonderes wichtig im Zusammenhang Schule sind die Ergebnisse von Studien, welche den Effekt bildungspolitischer Eingriffe auf die Chanchengleichheit (auch unter korrektur von Intelligenz) und Erfolg im Leben (Schulabschluss, kriminell (j/n), etc.) haben. Wenn die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass bildungspolitischer Initiativen eine wichtige Rolle spielen, dann ist "Intelligenz/Begabung" eine Variable die in dieser grundlegenden Form der Bildungspolitik keine allzu zentrale Rolle spielen sollte. Insbesondere dann, wenn sich IQ-Unterschiede in der Folge eh zeigen würden, was deine Argumentation nahelegt. Kurz gesagt: Fokus auf Kompensation in Krippen, Volksschule etc. Orientierung auf Begabung an Universitäten, wo es dann um das Individuum geht.

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