Dienstag, 6. November 2012

Die Grenzen des Wachstums ... eine vulgärökonomische Perspektive

Der Blog Wirtschaftswurm hat eine Blogparade mit dem Thema "Die Grenzen des Wachstums" einberufen. Nun davon verstehe ich wenig und ich misstraue allen langfristigen Prognosen, obwohl ich selber ab und zu gern welche abgebe.

Wie kann Wachstum begrenzt sein. Dazu ist es zunächst einmal gut zu schauen was Wachstum ist und wie es gemessen wird. Nachhaltiges Wachstum muss immer pro Kopf Einkommen (BIP per capita) sein. Die Wachstumsrate dieses Aggregats scheint sich in den Industrieländern in den letzten Jahrzehnten weniger dynamisch entwickelt zu haben. Allerdings hat sich das Wachstum in letzten 100 beinahe explosiv entwickelt. Irgendwie klar, denn mathematisch ist Wachstum eine exponentielle Funktion. Exponentielle Funktionen benötigen in Niveaus gemessen immer größere Zuwächse um die Wachstumsrate konstant zu halten. Wenn das BIP nicht unendlich groß werden kann, müssen die Zuwachsraten sich stabilisieren. Wenn die absoluten BIP pro Kopf Zuwächse konstant sind muss das Wachstum gegen 0 konvergieren. Wenn nicht werden wir das ökonomische Problem irgenwann gelöst haben (Replikatorenwirtschaft in Star Treck). So weit sind wir aber noch nicht.

Hier die reale Welt-BIP-Entwicklung pro Kopf in den letzten 2000 Jahren:







1. Die Frage ist wie kommt es zu BIP-Wachstum? Hängt davon ab wie das BIP gemessen wird. Der Strukturwandel führte besonders im 20. Jahrhundert und noch im 21. Jahrhundert zu einem Rückgang der Haushaltsproduktion und einem Anstieg der Produktion für den Markt. Im BIP scheint das als Wachstum auf, denn hier wird die Haushaltsproduktion nicht berücksichtigt. Allerdings hat sich in diesem Fall nicht die tatsächliche Menge an Dienstleisungen erhöht sondern nur jene der Marktdienstleistungen. Damit haben wir eine der Grenzen des Wachstums: Wenn viele Dienstleistungen marktgängig sind, sinkt das Wachstumspotential des BIP.

2. Angebot oder Nachfrage. Langfristiges Wachstum wird von Angebotsfaktoren und Nachfragefaktoren getrieben. Die Nachfrage, welche für die Konjunktur eine wichtige Rolle spielt, scheint für das langfristige Wachstum eher keine Grenze darstellen, solange Konsumenten noch überredet werden können und Einkommen genug haben um immer neue Produkte und Dienstleistungen zu kaufen, die marktgängig produziert werden. Erst wenn das ökonomische Problem gelöst ist (z.B. in einer Star Treck Wirtschaft mit Replikatoren) wird die Nachfrage eine Beschränkung für das langfristige Wachstum darstellen. Dann ist es aber egal und Ökonomen werden nicht mehr über Makroökonomie sondern nur mehr über soziale Interaktion und und Entscheidungstheorie nachdenken.

3. Angebotsseitig fallen mir neben Marx nur Schumpeter, Solow und Baumol ein. Schumpeter behauptete, dass eine Wirtschaft ohne Innovation in einen langfristig stationären Zustand verfallen wird  und eine Wachstumsrate von 0 aufweisen muss. Diese These ist umstritten, diente ihm allerdings dazu, zu zeigen, dass wirtschaftliche Entwicklung nicht auf Kapitalakkumulation beruht sondern auf unternehmerischen Handeln (= Innovation). Nur wenn Innovation stattfindet, finden strukturelle Veränderungen statt und neue Opportuntitäten zur Arbitrage entstehen. Muss dies zu einer positiven Wachstumsrate führen? Die meisten modernen Theorien sagen ja. Die empirische Evidenz sagt auch ja. Allerdings war Schumpeter selbst ein bisschen skeptischer und meinte (so hab ich das damals verstanden), dass man Wandel nicht mit Wachstum gleichsetzen soll.

4. Solow ist die zweite Möglichkeit. Sein Technikoptimismus war vor allem von der Vorstellung geleitet, dass fix-koeffizienten Technologien eine schlechte Beschreibung der Welt sind (vgl. dazu die Blogpost von John Quiggin). Solange Substitutionsmöglichkeiten vorhanden sind, muss das Verschwinden von Ressourcen nicht zu einer Reduktion des Wohlstands führen. Wenn allerdings Grundinputs wie Wasser oder Öl sehr schnell sehr knapp werden sollten, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass massive Preiserhöhungen und die darauf folgenden strukturellen Anpassungen negative Niveaueffekt haben können. Gleiches gilt für die Auswirkungen des Klimawandels. Substitution wird stattfinden, allerdings wird es dabei viele Verlierer geben. Wie man deutlich sieht funktioniert Solow ohne Schumpeter nicht.

5. Baumol hat eine Theorie des Strukturwandels entwickelt, bei dem sich nicht die Nachfrage verschiebt sondern nur die Preise. Durch die Erhöhung der Produktivitäten in Landwirtschaft und Industrie fallen dort die Preise. In den Dienstleistungen gibt es geringere Produktivitätspotentiale. Die Löhne steigen allerdings mit der Produktivität in der Gesamtwirtschaft. Dadurch werden Nahrungsmittel und Industriewaren relativ billiger und die Produkte des Dienstleistungssektor relativ teurer. Dennoch fragen Menschen nicht mehr Nahrungsmittel und Industrieprodukte nach, sondern mehr Dienstleistungsprodukte. Dies führt zu einem Absinken des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums und damit zu einem relativen Stillstand des aggregierten Wachstums. Dienstleistungen werden überproportional teuer. Wenn die Dienstleistungen (Gesundheit, Unterhaltung, ....) kaum Produktivitätsgewinne realisieren können, beschränken sie das aggregierte Wachstum. Die impliziert, wenn wichtige Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheitswesen zumindest teilweise staatlich finanziert werden, dass der Staatsanteil in der Wirtschaft steigt.

Dem gibt es sicher noch einiges anzufügen. Dennoch: Die Grenzen des Wachstums müssen noch lange nicht erreicht sein. Keine Prognose und keine Diagnose. Eine Reduktion der Wachstumsraten in entwickelten Volkswirtschaften wie beobachtet, siehe unten eingefügtes Chart aus der Blogpost von Bernau auf Fazit. Es gibt also gute Gründe dafür, dass die Wirtschaft nicht mehr so wachsen muss wie in den 50er und 60er Jahren. Diese Jahre waren aber überdurchschnittliche Jahrzehnte für das Wachstum. Dies hat auch Japan zu spüren bekommen (hier sehen aber die BIP Wachstumsraten schlechter aus als die BIP per capita Wachstumsraten). Aber langfristig gesehen, muss  die Differenz zwischen 1991-2000 und 2000-2010 nicht statistisch signifikant sein. Ein Ausreisser macht noch keine signifikante Änderung.




Geringe Wachstumsraten müssen ökonomisch nicht problematisch sein, können es aber sein. Hängt von der Wirtschaftsordnung und der politischen Ordnung ab. Ich glaube, dass die möglichen politischen Folgen der Wachstumsgrenzen interessant sind. Wir sehen einiges bereits. Die Diskussion um die Verteilung von Einkommen und Vermögen hat bereits wieder an Brisanz gewonnen. In der Tat hilft wirtschaftliches Wachstum soziale Probleme abzufedern. Arbeitslosigkeit wird durch Wachstum reduziert und ist damit ein automatischer Stabilisator der Arbeitsbekämpfung. Wachstum hilft somit Verlierer zu kompensieren. Wenn allerdings die Wachstumsraten sinken, wird das deutlich schwieriger. Von Zugewinnen etwas abzugeben ist etwas ganz was anderes als von der Substanz. Dies sieht man bei Diskussionen um Erbschaftssteuern und Vermögenssteuern, auch wenn manche von diesen Steuern ökonomisch geringere Anreizverzerrungen mit sich bringen als Einkommens- oder Konsumsteuern.


PS: Vulgärökonmisch, weil ich mich auf den Anschein und nicht die Essenz konzentriere ;)

Kommentare:

  1. Replikatoren - gibt es bereits - digitaler Content und Kopieren. Dienstleistung mit geringem Kapitaleinsatz verhält sich ähnlich ist aber begrenzt, sofern und damit möchte ich abschließen es nicht zu einer Blasenbildung kommt. Die Frage die es zu beantworten ist, führen Replikatoren zur Bildung von kurzlebigen Blasen und wie weit solch eine Entwicklung auf die Stabilität einer Volkswirtschaft negativ einwirkt, im Sinne von hoher kurzlebiger Abschöpfung, die vermutlich die Ungleichverteilung treibt. Wäre beobachtbar, ob sie maßgeblich ist, ist ein anders Thema.

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  2. Hallo,

    sehr gut, das geht schon in die richtige Richtung, aber viele Fragen bleiben offen und kaum ein argument der Wachstumskritik ist hier erwähnt. (Hier meine Zusammenfassung der Argumente: http://derblickausderferne.blogspot.de/2012/10/the-farmland-analogon.html)

    Zu diesem Post vor allem aber folgende Fragen:

    Frage 1. Was hat wohl diesen Sprung in unserer Produktivitätsentwicklung ausgelöst?
    Gab es vielleicht ein wichtiges historisches Ereignis in dieser Zeit?

    Ja, tatsächlisch, seit gut 150 Jahren verwenden wir billige Energie die vom Himmel (aus der Erde) fiel. Offensichtlich ist die Produktion von Gütern und Dienstleistungen sehr stark abhängig vom Energieeinsatz.

    Hat uns also nicht die "Innovationskraft des Marktes" sondern ein glücklicher geologischer Umstand hat uns diesen Sprung verschafft?

    2. Frage: Was passiert denn wenn diese Energiequelle versiegt?

    3. Frage: Was bitte ist nachaliges Wachstum"? Was ist die definition und kann es so etwas überhaupt geben?

    Gruß

    AlienObserver


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